Ich stehe vor dem Büro von Bündnis 90/Die Grünen. Die Scheibe blind vor Splittern. Die Wand ein Flickenteppich aus Farbe. Schwarz-Rot-Gold – hingeschmiert wie ein Drohbrief. Ein paar Schritte weiter. SPD. Gleiche Handschrift. Gleicher Zorn. Gleiche Leere. Ich hebe die Kamera. Klick. Klick.
Bilder frieren das ein, was keiner sehen will: Hass hat jetzt eine Adresse.
Die Nacht zum 6. April war kein Ausrutscher.
Sie war ein Signal.
Grüne. CDU. Linke. SPD. SSW.
Alle getroffen. Keine Ausnahme.
Deutschlandflaggen aus der Sprühdose.
Rechtsextreme Sticker wie Markenstempel der Verachtung.
Eingeschlagene Scheiben.
Und Reste von Molotowcocktails – als hätte jemand kurz überlegt, ob Worte noch reichen.
Dann die nächste Nacht.
Der Schritt vom Schmieren zum Brennen.
Brandanschläge auf Grüne, Linke, SPD.
Jetzt liegt auch der offizielle Blick der Polizei vor.
Trocken. Nüchtern. Und gerade deshalb so klar.
Am Osterwochenende, vom 5. bis 7. April, kam es in der Flensburger Innenstadt zu Sachbeschädigungen und versuchten Brandstiftungen an mehreren Parteibüros.
Betroffen: SSW, Grüne, SPD, Linke.
Graffiti in Schwarz-Rot-Gold an SSW und SPD.
Molotowcocktails mit mutmaßlichem Brandbeschleuniger bei Grünen, Linken und SPD.
Kein Vollbrand.
Aber Ruß an den Wänden. Spuren von Feuer.
Fensterscheiben beschädigt.
Der Schaden: einige tausend Euro.
Der Staatsschutz ermittelt.
Und sucht Zeugen.
Ich stehe zwischen den Gebäuden.
Und denke: Das hier ist kein Vandalismus mehr.
Das ist eine Botschaft.
Eine, die flüstert: „Wir holen uns den Raum zurück.“
Eine, die droht: „Ihr seid nicht sicher.“
Und genau da liegt der Kern.
Es trifft nicht nur Parteien.
Es trifft jeden, der sich zeigt.
Der widerspricht.
Der nicht schweigt.
Annabell Pescher von den Grünen nennt es feige.
Hat recht.
Uta Wentzel von der CDU spricht von einer Grenzüberschreitung.
Auch das stimmt.
Aber es ist mehr.
Es ist ein Test.
Wie weit kann man gehen?
Wie laut darf der Hass werden?
Wann wird aus Farbe Feuer – und aus Worten Gewalt?
Und dann diese Flaggen.
Schwarz-Rot-Gold.
Missbraucht wie ein billiges Kostüm für Radikale.
Dabei steht sie für das Gegenteil.
Für Freiheit.
Für Vielfalt.
Für ein Land, das aus seinen Abgründen gelernt hat – oder es zumindest behauptet.
Wer sie hier hinschmiert, will nicht erinnern.
Er will umdeuten.
Ich senke die Kamera.
Die Straße ist still. Zu still.
Demokratie wirkt oft wie ein Möbelstück.
Steht halt da. Man stößt sich dran, aber man hinterfragt es nicht.
Bis jemand anfängt, daran zu sägen.
Die ehrliche Antwort?
Ja, das ist eine neue Qualität.
Nicht, weil es Gewalt gibt. Die gab es immer.
Sondern weil sie breiter wird. Dreister. Koordinierter.
Und weil sie nicht mehr nur am Rand passiert.
Sondern mitten in der Stadt.
Was tun?
Nicht wegsehen.
Nicht relativieren.
Nicht dieses müde „wird schon wieder“.
Klare Kante.
Schnelle Aufklärung.
Und vor allem: Präsenz.
Der Staatsschutz sucht Zeugen.
Das ist kein Nebensatz. Das ist ein Auftrag.
Ich gehe ein paar Schritte zurück.
Beide Gebäude im Blick.
Zwei Fassaden.
Eine Geschichte.
Und ein Geruch, der bleibt.
Rauch. Farbe. Wut.
Und eine Frage, die sich festkrallt wie Ruß an der Wand:
Wie weit geht der Extremismus noch?
Quellen / Weiterführende Informationen
Annabell Pescher, Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Flensburg:
„Diese Angriffe gegen unsere Parteibüros sind feige und treffen alle Menschen, die sich für unsere demokratische Gesellschaft engagieren. Ganz egal ob in Parteien, Sportvereinen oder in der Nachbarschaft. Wir werden nicht weichen und uns weiterhin gemeinsam für ein vielfältiges und buntes Flensburg stark machen.“
Uta Wentzel, MdL, Vorsitzende der CDU Flensburg:
„Wir demokratischen Parteien stehen fest zusammen, Seite an Seite. Wir verurteilen die Gewalt insgesamt und ausnahmslos. Diese feigen Aktionen sollen unsere demokratischen und ehrenamtlich aktiven Mitglieder einschüchtern. Es ist eine konzertierte Aktion gegen alle demokratischen Parteien, die wir aufs Schärfste verurteilen.
Dies ist eine erneute Grenzüberschreitung, die wir nicht hinnehmen. Besonders perfide ist der Versuch, unsere eigenen nationalen Farben dafür zu missbrauchen. Schwarz-Rot-Gold steht nicht für Ausgrenzung – sondern für Freiheit, Demokratie und Vielfalt. Diese Farben sind das Ergebnis unserer Geschichte und unseres Grundgesetzes. Wer sie benutzt, um Hass zu markieren, stellt sich bewusst gegen genau diese Werte.
Für Gewalt gegen unsere Demokratie gibt es keine Rechtfertigung. Der Staatsschutz ermittelt.“
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