Kindheit prägt politische Haltungen. Das zeigen Herbert Renz‑Polster und Ulrich Renz in Demokratie braucht Erziehung. Sie analysieren fundiert, wie frühe Erfahrungen Autorität, Abgrenzung und Verschwörungsglauben bei Erwachsenen beeinflussen. Doch eine wichtige Dimension fehlt – und schwächt die Analyse.
Würdigung:
Das Buch leistet viel. Es zeigt: Wer heute nach strenger Autorität ruft oder Verschwörungstheorien anhängt, wuchs oft in unruhigen Familien auf.
Renz‑Polster und Renz richten den Fokus präzise auf Rechtspopulismus und autoritäre Einstellungen, etwa bei der AfD-Wählerschaft. Sie verstehen Erziehung als politische Kraft, nicht nur als private Angelegenheit. Damit treffen sie einen Nerv der Gegenwart.
Kritik – und wo es hakt:
Das Buch bleibt unvollständig. Es behandelt nicht, wie bestimmte religiöse Prägungen demokratische Haltungen beeinflussen können. Die KFN-Studie 20241 (Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, N=1.200, bundesweite Stichprobe, Befragung Neuntklässler) zeigt: 45,8 % der befragten muslimischen Jugendlichen bevorzugen einen islamischen Gottesstaat; 69,8 % wünschen eine religiöse Führung statt demokratischer Mitbestimmung. Diese Zahlen verdeutlichen ein Phänomen, das politische Bildung und Prävention nicht ignorieren dürfen.
In Schulen, Stadtteilen und Milieus mit muslimischer Mehrheit zeigen sich zum Teil Spannungen: Respekt gegenüber Lehrkräften, religiöse Kleidung (z. B. Kopftuch, sofern unfreiwillig getragen) oder Hierarchien können Einfluss auf demokratische Sozialisation haben. Das Buch beleuchtet diese Aspekte nicht.
Warum das eine Lücke ist:
Ohne die Debatte über religiöse Prägungen bleibt die Analyse unvollständig. Wer Kindheit und politische Haltung untersucht, muss alle kulturellen und religiösen Faktoren berücksichtigen, nicht nur den rechten Rand.
Fazit:
Demokratie braucht Erziehung ist scharf, fundiert und engagiert. Es öffnet den Blick für den Einfluss von Kindheit auf politische Einstellungen. Wer jedoch Demokratie umfassend stärken will, sollte auch die Wirkung anderer autoritärer Prägungen analysieren.
Quellen / Weiterführende Informationen
- 🧪 Methodik und Stichprobe
Erhebungsjahr: 2022 (im Bericht veröffentlicht 2024).
Erhebungsort: Bundesland Niedersachsen, Deutschland.
Gesamtstichprobe: 8 539 Schüler/innen der 9. Klasse (Alter ≈ 15).
Muslimische Subgruppe: ca. 308 muslimische Jugendliche, die das Islamismus-Modul des Fragebogens beantworteten.
Stichprobengewichtung: Daten sind nur nach Schulform gewichtet, nicht nach Religionszugehörigkeit, daher ist die muslimische Subgruppe nicht repräsentativ für alle muslimischen Jugendlichen.
🧠 Erhebungsmethode
Es handelt sich um eine schriftliche Befragung im Rahmen des Niedersachsensurveys, einer regelmäßig wiederholten Dunkelfeldstudie zur Jugendkriminalität und zu abweichendem Verhalten, einschließlich Einstellungen zu Religion und politischer Ordnung.
Der Islamismus-Bereich war ein Modul im Fragebogen, das nur einem Teil der Befragten vorgelegt wurde (daher auch die begrenzte Größe der muslimischen Subgruppe).
🧩 Zahlen mit Kontext
Im muslimischen Subsample stimmten die Jugendlichen folgenden Aussagen zu:
67,8 %: „Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland.“
45,8 %: Ein islamischer Gottesstaat sei die beste Staatsform.
51,5 %: Nur der Islam könne die Probleme der Zeit lösen.
18,1 %: Gewalt sei zur Durchsetzung des Islams gerechtfertigt.
👉 Wichtig zu betonen: Diese Werte gelten nur für die muslimische Teilgruppe in Niedersachsen und können nicht ohne Weiteres auf Deutschland insgesamt übertragen werden. Die Gewichtung berücksichtigt nur Schulformen, nicht Religionszugehörigkeit. Link: https://kfn.de/wp-content/uploads/2024/06/FB_169.pdf?utm_source=chatgpt.com ↩︎
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