19 Uhr, Gefrierpunkt.
Windstill, dunkel – die Stadt hält den Atem an.
Im Ostseemetropölchen ist diese Ruhe unheimlich. Sie kündigt etwas an. Die Warnmeldungen sind draußen. Bleibt morgen, wenn möglich, zuhause. Schulen und Kitas schließen. Für die Nacht ist ein Ostseesturmhochwasser angekündigt.
Ich erledige hastig die letzten Einkäufe. Vorsorge liegt in der Luft. Angst auch.
In der Passage liegt links am Boden ein Mann. Isomatte. Schlafsack. Sein Atem dampft schwach in der Kälte. Vor ihm ein paar Lebensmittel, ein Hut, daneben eine Flasche Alkohol. Kein Drama, kein Lärm. Nur Stillstand.
Alkohol, Frost, Sturm – eine tödliche Kombination. Das weiß jeder, der nicht wegschaut. Ich hoffe, dass der Kältebus vorbeikommt. Und ich frage mich, wie ein Leben hier landet. Wann es gekippt ist. Wer geholfen hat. Wer nicht. Ob jemand helfen wollte.
Ich kaufe ein.
Gehe zurück.
Der Mann liegt noch da.
An dieser Stelle sind in den letzten Monaten drei Menschen gestorben. Zwei Obdachlose. Draußen. Ein Geflüchteter aus der Ukraine. Drinnen, im Haus hinter der Passage, erstochen bei einem Streit. Drei Tote, wenige Meter, viel Schweigen.
Was sind das für Zeiten?
Der Sturm draußen ist das eine. Der Druck im Innern das andere. Viele wollen ihn nicht wahrhaben. Doch die Welt wird unruhig. Nicht nur meteorologisch.
Trump droht, die Beistandspflichten der NATO zu relativieren. Putin führt Krieg gegen die Ukraine – seit 2014, mit voller Wucht seit 2022. In Europa herrscht Krieg. Russland gegen die Ukraine. Europa unterstützt, ist rechtlich keine Kriegspartei, aber politisch Teil der Auseinandersetzung.
Deutschland ist darauf schlecht vorbereitet. Ohne USA, ohne NATO wäre dieses Land kaum verteidigungsfähig. Die Bundeswehr ist weit entfernt von dem Zustand des Kalten Krieges. Eine Wehrpflicht, selbst wenn sie käme, ließe sich nicht kurzfristig wirksam aufbauen.
Gleichzeitig lehnen viele junge Menschen sie ab. Sie demonstrieren dagegen. Das ist ihr Recht. Doch Verantwortung endet nicht beim Protest. Wer hier lebt, profitiert von Sicherheit – und trägt im Ernstfall Verantwortung: sich verteidigen, mitarbeiten, solidarisch handeln. Wenn nicht als Soldat, dann als Zivilist.
Viele würden gehen. Das zeigen Debatten, Umfragen, Gespräche. Laut im Widerspruch, leise beim Abschied. Kritik an dieser Haltung gilt schnell als moralisch verdächtig. Andere Meinung? Dann folgen Etiketten. Dieses Land hält Widerspruch schlecht aus, besonders in Krisen.
Corona hat das gezeigt. Die Energiekrise auch. Und die Klimakrise erst recht. Zusammenhalt wird beschworen, aber selten gelebt.
Dann gibt es die anderen: Extremisten, die Anschläge verüben und glauben, Gewalt sei ein Argument. Sie irren. Gewalt zerstört, was sie angeblich retten wollen.
Die Wirtschaftskrise ist ebenfalls hausgemacht. Nicht nur strukturell, sondern mental. Zu viel Ich. Zu viel Gruppe. Zu wenig Gemeinsinn.
Wieder denke ich an den Mann auf der Isomatte. An Abstürze, die leise passieren. An eine Gesellschaft, die vieles erklärt, aber wenig auffängt. Der Boden der Realität ist kalt. Und manchmal tödlich.
Ich trage meine Einkaufstüten nach Hause. Müde Knochen, voller Kopf. Setze mich an den Laptop. Schreibe diese Zeilen.
Und warte.
Auf den Sturm.
In der Ruhe davor.
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