Ich habe viele Bücher über Konzentrationslager gelesen. Dieses hier hat mich nicht losgelassen. Pierre Jorand, französischer Priester und Résistance-Kämpfer, war Häftling im KZ-Außenlager Husum-Schwesing. 1946 schrieb er seinen Bericht. Nüchtern im Ton. Unerträglich im Inhalt.
Mitten durch die Stadt
Im Herbst 1944 sperrt die SS 2.500 Männer aus 14 Ländern in das Lager. Sie sollen den „Friesenwall“ bauen. Panzergräben ausheben. Vier Meter breit. Drei Meter tief. Mit Schaufel und Spaten. Im kalten Marschland.
Mehr als 300 sterben in wenigen Monaten.
Was mich beim Lesen besonders traf: Die Märsche durch Husum. Jeden Morgen. Jeden Abend. Die Kolonnen ziehen durch die Straßen. Ausgemergelte Männer. Bewacht von Kapos und Marinesoldaten. Die Schläge sind öffentlich. Die Demütigungen auch.
Jorand beschreibt die Blicke der Menschen. Manche schauen weg. Manche lachen sogar. Einige wenige geben heimlich Brot. Kaum einer protestiert.
Als ich selbst durch Husum ging, versuchte ich mir diese Szenen vorzustellen. Dieselben Straßen. Dieselben Häuser. Ich fragte mich: Hätte ich hingesehen? Hätte ich geholfen?
Chopin hinter geschlossenen Fensterläden
Eine Szene brennt sich ein.
Die Häftlinge marschieren an einem Schrankenwärterhäuschen vorbei. Fensterläden geschlossen. Drinnen läuft ein Radio. Chopins „Abschiedswalzer“.
Musik.
Jorand schreibt von Tränen. Von Heimweh. Von Hoffnung. Für einen Moment existiert wieder eine Welt mit Klang, mit Kultur, mit Privatheit. Dann treibt man sie weiter. Zurück in Schlamm und Schläge.
Als ich am ehemaligen Lagereingang stand, dachte ich an diese Musik. An Männer, die im Laufschritt marschieren und plötzlich weinen. Dieser Kontrast zerreißt.
Der Kommandant
Hans Hermann Griem leitet das Lager. Seine Worte sind dokumentiert. Wer hier nicht überlebt, habe „keine Berechtigung, in einem neuen Europa zu existieren“. Er spricht von „Häftlingsmaterial“.
Er schießt. In die Luft. Oder in Menschen. Ein russischer Junge stiehlt Kartoffeln. Griem trifft ihn ins Herz. Er nennt es einen „wunderbaren Schuss“.
Solche Sätze lassen sich kaum lesen. Und doch stehen sie da. Schwarz auf weiß. Ohne Pathos. Ohne Kommentar.
Enge, Hunger, Hydrant
Die Baracken sind für 400 gebaut. Zeitweise pfercht man bis zu 2.000 Männer hinein. Bett an Bett. Kaum Luft. Kaum Raum.
Ein Hydrant dient als Strafpfahl. Männer werden durchnässt festgebunden. Stundenlang. Im Wind.
Als ich heute vor den 300 Stahlstelen stehe, sehe ich keine abstrakte Kunst. Ich sehe gebeugte Körper. Jede Stele ein Mensch. Jede Lücke ein Schicksal.
Keine Sühne
Das Lager wird am 29. Dezember 1944 aufgelöst. Für viele zu spät.
Griem flieht. Verfahren verlaufen im Sande. Jahrzehnte später findet man ihn in Hamburg. Kurz vor Prozessbeginn stirbt er 1971. Kein Urteil.
Auch der Ort selbst brauchte lange. Nach dem Krieg nutzt man die Baracken weiter. Dann reißt man sie ab. Erst in den 1980er-Jahren beginnt eine ernsthafte Aufarbeitung. Heute informieren Tafeln, ein Rundgang, ein Audioguide. Ehrenamtliche führen Besucher über das Gelände.
Ich war mehr als einmal dort. Beim ersten Besuch war ich still. Beim zweiten wütend. Beim dritten erschöpft. Erinnerung ist keine Routine. Sie ist Arbeit.
Warum dieses Buch bleibt
Jorands Bericht ist kein literarischer Text im klassischen Sinn. Er schmückt nicht aus. Er klagt nicht laut an. Gerade das macht ihn so stark.
Er zeigt, was geschah. Und wer zusah.
Dieses Buch zwingt mich, die bequeme Distanz aufzugeben. Es geht nicht nur um Täter. Es geht um die Umgebung. Um Mitläufer. Um Schweigen.
Ich habe das Lager besucht. Ich habe das Buch gelesen. Beides gehört zusammen.
Husum-Schwesing ist kein fernes Symbol. Es ist ein konkreter Ort. Mit Wind. Mit Wiesen. Mit 300 Stahlstelen.
Und mit der Frage, die bleibt:
Wie schnell gewöhnt sich eine Stadt an das Unfassbare?
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