Wolfgang Börnsen: Der unbequeme Demokrat zwischen Pflicht und Vision

6 Jahre im Bundestag. CDU. Kulturpolitiker. Nordlicht aus Flensburg. Wolfgang Börnsen (*26. April 1942 in Flensburg; † 2. November 2024) fragt in „Der unbequeme Demokrat“: Braucht das Parlament ein Update? Mehr Mitsprache für Bürger? Direktwahlen? Einen Ombudsmann? Keine Revolte, keine Parolen. Ein Mann, der das System nicht stürzen, sondern stabilisieren will. Unbequem, ja. Nicht laut, aber beharrlich.

Wolfgang Börnsen, deutscher Politiker (CDU), Bundestagsabgeordneter a. D. und Autor auf einer Veranstaltung. Aufnahme vom 24.02.2023, Flensburg-Innenstadt, Südermarkt

Demokratie, geschniegelt

Börnsen denkt, wägt ab, bleibt geschniegelt.
Seine „Unbequemlichkeit“ trägt Sakko. Kein Lederjackenlärm, kein politischer Punk. Eher: der korrekte Herr, der höflich widerspricht.

Das ist nicht falsch. Aber auch nicht wild.

Demokratie im Spiegel – Fragen, die weh tun

Börnsen geht den Fragen nach, die unsere Demokratie auf die Probe stellen: Können mehr Bürgermitsprache, ein Ombudsmann, die Verlängerung der Legislaturperiode auf fünf Jahre, eine Drei-Prozent-Klausel oder Direktwahlen dazu beitragen, dass die Bürgerinnen und Bürger sich wieder stärker mit dem demokratischen Rechtsstaat identifizieren?

Diese Gedanken schließen an sein erstes Buch „Vorbilder mit kleinen Fehlern – Abgeordnete zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ an, das bisher in zehn Sprachen übersetzt wurde. Börnsen bleibt sich treu: nüchtern, reflektiert, manchmal provokant, aber stets auf der Suche nach Lösungen.


Unbequem, aber bedacht – Zwischen Theorie und Erfahrung

Der Titel verspricht Unbequemlichkeit – und ja, Börnsen nimmt Stellung. Aber seine Unbequemlichkeit ist nüchtern, argumentativ, eher reflektierend als rebellisch. Er will nicht provozieren um der Provokation willen. Gerade im Bereich Erinnerungskultur, etwa in Flensburg, zeigt er, wie politische Geschichte Debatten entfacht und Werte spürbar macht.

Kapitulation vor dem Mob: Als linke Gewalt ein Mahnmal für die Freiheit stürzte

Die Erfahrung des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Wolfgang Börnsen zeigt ein erschütterndes Bild demokratischer Erosion. Was als feierliches Gedenken an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Flensburg begann, endete 1960 in brutaler Gewalt und staatlichem Rückzug.

Der Kern der Ereignisse

Börnsen beschreibt, wie eine aggressive, linksradikale Gruppierung die Kundgebungen vor dem Deutschen Haus systematisch zerstörte. Während Störfaktoren wie Trillerpfeifen und Knallkörper die Teilnehmer zunächst nicht vertreiben konnten, eskalierte die Situation schließlich in körperlichen Angriffen. (S. 124 – 125)

Physische Brutalität: Börnsen selbst wurde von Demonstranten „zu Boden gerissen und mit Fußstößen brutal traktiert“.

Die Täter begleiteten ihre Gewalt mit Parolen wie „Ihr Giftspritzer schmäht den Sozialismus! Euch neue Nazis werden wir zertreten!“. Später stellte sich heraus, dass Flensburg ein Schwerpunkt für Aktivitäten des DDR-Staatssicherheitsdienstes war, was die Radikalisierung der Störer miterklärt.

Besonders schockierend war die Tatenlosigkeit der Behörden. Börnsen schreibt:

Was mich damals jedoch zutiefst schockierte, die anwesenden Ordnungskräfte schritten nicht ein! Wochen später teilte die Polizeiführung dem Veranstalter, dem CDU-Stadtverband, mit, sie könne auch in Zukunft einen ordnungsgemäßen Ablauf der Freiheitskundgebung anlässlich des Ostberliner Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 nicht sicherstellen. Dieses Hinweises hatte es nicht bedurft, weil die Stadtführung dieser „stets unruhestiftenden Versammlung“ müde war. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde der „Stein des Anstoßes“, das Mahnmal zur ersten demokratischen Volksbewegung in der DDR, abgeräumt. (S. 124 – 125)

Ein Denkmal für den Freiheitswillen wurde entfernt, weil der Staat nicht mehr bereit oder in der Lage war, es gegen linksradikale Gewalt zu verteidigen. Das sollte aber nicht die einzige Erfahrung mit Hass aus der Bevölkerung sein.

U-Boot-Affäre: Morddrohungen

Mitte der 1980er Jahre war Börnsen Mitglied des Untersuchungsausschusses zur Aufklärung der sogen. U-Boot-Affäre1. Er schreibt, dass er sich mehrfach in den über sechsundzwanzig Jahren seiner Abgeordnetentätigkeit an seiner Eignung wie Kompetenz für dieses Amt gezweifelt hätte. Wirklich überschätzt hätte er sich „einmal, und das gründlich!“ Und weiter:

Über Wochen waren wir während des U-Ausschusses in unserem Zuhause einem Telefonterror, verbunden mit Mord- und Totschlagdrohungen von hasserfüllten Mitbürgern, ausgesetzt. Meine Telefonnummer war öffentlich zugänglich, denn ich wollte für die Fragen und Nöte der Menschen in meinem Wahlkreis stets erreichbar sein. Der Polizeischutz, den unsere Familie erhielt, war zwar äußerlich beruhigend, nahm uns jedoch nicht die Angst. Dass ich gerade in der Endphase des U-Boot-Ausschusses, als eine Verurteilung der Kohl-Regierung in weite Ferne rückte, auf der Straße mehrfach angespuckt und angerempelt wurde, fand ich als Aggressivität zwar abscheulich, doch sie war im Vergleich zu den Drohungen gegenüber meiner Familie aushaltbar. Zusammengeschlagen, wie es zweien meiner Kollegen leider erging, wurde ich nicht. Über diese Vorfälle wurde öffentlich nicht berichtet, um Nachahmungstäter nicht zu ermutigen, lautete die Begründung der Bundestagsverwaltung. (S. 130/131)


Fazit: Ein Politiker, der Fragen stellt

„Der unbequeme Demokrat“ ist kein Manifest radikaler Erneuerung. Er ist auch keine nostalgische Rückschau. Er ist das Werk eines Politikers, der abwägt, fragt, reflektiert. Wer Reformen erwartet, findet Werkzeuge, keine fertigen Lösungen. Wer aber politische Erfahrung schätzt, findet Einsichten und Einblicke, die mehr als trockenes Fachwissen bieten.

Börnsens Buch ist weder Kampfansage noch trockene Abhandlung. Es pendelt zwischen Beobachtung, Erfahrung und Debatte. Für Leser, die politische Theorie lieben, bietet es Fragen. Für solche, die politische Geschichten mögen, bietet es Authentizität. Für alle, die Demokratie ernst nehmen, einen Spiegel. Weniger Radikalisierer, mehr nüchterner Mahner – ein unbequemer Demokrat, der nachdenklich macht.


Quellen / Weiterführende Informationen

Bild: Wolfgang Börnsen, deutscher Politiker (CDU), Bundestagsabgeordneter a. D. und Autor auf einer Veranstaltung. Aufnahme vom 24.02.2023, Flensburg-Innenstadt, Südermarkt

Wer neugierig geworden ist: Das Buch gibt’s überall, wo gute Bücher liegen – im Laden, online oder direkt beim Verlag Verlagsgruppe.de.

  1. Die U-Boot-Affäre (1986–1989) endete mit der Verurteilung mehrerer Manager von HDW und IKL zu Geld- und Bewährungsstrafen wegen illegaler Lieferungen von Bauplänen an Südafrika. Politisch belastete der Skandal die Bundesregierung unter Helmut Kohl und trug in Schleswig-Holstein maßgeblich zum Machtverlust der CDU bei. Trotz des Abschlussberichts des Untersuchungsausschusses blieb der Vorwurf bestehen, dass staatliche Stellen die Exporte jahrelang geduldet hatten. ↩︎

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Entdecke mehr von Willi Schewski

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen