Parkplatz statt Mahnmal: Wie Flensburg ein Stück Geschichte verschwinden ließ

Der Berliner Platz in Flensburg ist heute für viele nur eine verkehrsreiche Kreuzung oder ein praktischer Parkplatz. Doch hinter dem grauen Asphalt verbirgt sich eine Geschichte von politischer Symbolik, vergessenen Versprechen und einer demokratischen Kapitulation vor der Gewalt.

Ein Platz als politisches Statement

In den 1960er-Jahren war der Berliner Platz weit mehr als eine Verkehrsfläche. In der Zeit des Kalten Krieges sollte er die Verbundenheit Flensburgs mit dem geteilten Berlin demonstrieren. 1964 erklärte der damalige Stadtpräsident Dr. Jensen bei der Einweihung, der Platz solle die Flensburger an ihre „Verpflichtungen gegenüber den Berlinern“ erinnern1.

Das ursprüngliche Mahnmal: Am 12. September 1965 wurde ein von dem Flensburger Bildhauer Sörensen gefertigtes Treuedenkmal enthüllt. Es war als „Berliner Meilenstein“ konzipiert und sollte die Solidarität mit der eingeschlossenen Stadt symbolisieren.

Börnsen erinnert sich:

 Ich erinnerte mich (…) an die vielen feierlichen Gedenkstunden in meiner Heimatstadt Flensburg vor dem Deutschen Haus, wo zu Ehren der mutigen aufständischen Arbeiter des 17. Juni 1953 ein Mahnmal errichtet worden war. Keine dieser Versammlungen habe ich als Jugendlicher verpasst. Die dort gehaltenen Gedenkreden von klugen, lebenserfahrenen Frauen wie Männern hatten stets den Wert unserer Freiheit wie die Festigung unserer jungen Demokratie zum Mittelpunkt. Für mich besaßen sie einen prägenden Charakter. Ganz gegen den damaligen Zeitgeist, der solche Treffen als reaktionär geißelte, fanden die Gedenken zum 17. Juni 1953 noch zu Beginn der sechziger Jahre statt

Der Plan für den Bären: Ursprünglich war sogar geplant, eine Skulptur des Berliner Bären aufzustellen. Bis dahin sollte die Berliner Fahne dauerhaft über dem Platz wehen. Zu der Aufstellung des Bären kam es jedoch nie.

Eskalation und Gewalt: Die Erfahrung von Dr. Wolfgang Börnsen

Sie (Bemerkung des Verfassers: die Gedenkstunden am Mahnmal auf dem Berliner Platz) endeten 1960 abrupt, als es einer aggressiven linksradikalen Gruppierung mit dem Einsatz physischer Gewalt endlich gelang, unsere Kundgebung zu sprengen. Der Einsatz von Trillerpfeifen, Knallkörpern und Nebelhörnern in den Jahren zuvor hatte uns nicht weichen lassen. Ich gehörte zu denen, die von irregeleiteten, zumeist studentischen Protestierenden zu Boden gerissen und mit Fußstößen brutal traktiert wurden. Begleitet wurden die Ausfälle mit Parolen: „Ihr Reaktionäre beleidigt die DDR! Ihr Giftspritzer schmäht den Sozialismus! Euch neue Nazis werden wir zertreten!“ Jahrzehnte später, als ich wegen meiner Kulturtätigkeit in Berlin regelmäßig auch mit der „Stasi-Untersuchungsbehörde“ zu tun hatte, erfuhr ich, dass Flensburg an der Nahtstelle zu Dänemark und als ehemalige „Nazihauptstadt“ zu einem der Schwerpunkte des DDR-Staatssicherheitsdienstes in Westdeutschland gehört hatte. Dieses Wissen entschuldigt zwar nicht die Brutalität der Störer, aber erklärt deren Handeln. Was mich damals jedoch zutiefst schockierte, die anwesenden Ordnungskräfte schritten nicht ein! Wochen später teilte die Polizeiführung dem Veranstalter, dem CDU-Stadtverband, mit, sie könne auch in Zukunft einen ordnungsgemäßen Ablauf der Freiheitskundgebung anlässlich des Ostberliner Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 nicht sicherstellen. Dieses Hinweises hatte es nicht bedurft, weil die Stadtführung dieser „stets unruhestiftenden Ver-sammlung“ müde war. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde der „Stein des Anstoßes“, das Mahnmal zur ersten demokratischen Volksbewegung in der DDR, abgeräumt.

Die Aufzeichnungen des verstorbenen CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Wolfgang Börnsen 2werfen ein düsteres Licht auf die damaligen Zustände. Was als feierliches Gedenken an den Freiheitswillen der Menschen in der DDR gedacht war, endete in brutaler, linksradikale Gewalt.

Das heutige Bild: Ein Ort ohne Gedächtnis

Nach der Wiedervereinigung 1990 verlor der Platz endgültig seine symbolische Kraft. Im Zuge von Umgestaltungen wurde auch das verbliebene Berlin-Mahnmal abgebaut.

Der Berliner Platz verlor seinen Charakter als Verweilort und wurde den praktischen Anforderungen der Stadtplanung geopfert. Das Mahnmal, das einst für Solidarität und Freiheit stand, lagert heute vergessen auf einem städtischen Betriebshof.

    Die Geschichte des Berliner Platzes ist damit mehr als nur eine städtebauliche Randnotiz. Sie ist ein Beispiel für eine demokratische Erosion, bei der Symbole der Freiheit verschwanden, weil der öffentliche Raum nicht gegen Aggression behauptet wurde. Wer heute dort parkt, ahnt kaum etwas von den Kämpfen, die hier einst um die deutsche Geschichte und die Freiheit geführt wurden.

    Quellen / Weiterführende Informationen

    Foto: Willi Schewski

    1. Wolfgang Börnsen, „Vom Schreibtisch direkt ins Plenum – und zurück“ (oder ähnliche regionalgeschichtliche Veröffentlichungen, in denen er seine politische Sozialisation in Flensburg beschreibt).
      Kontext: Börnsen war bekannt dafür, die Flensburger Nachkriegsgeschichte sehr detailliert aufzuarbeiten. Er beschreibt darin die Ereignisse um den 17. Juni 1953 (Tag der deutschen Einheit/Volksaufstand in der DDR) und wie die Gedenkveranstaltungen in Flensburg durch Gegendemonstranten gestört wurden. ↩︎
    2. Aufzeichnungen des verstorbenen CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Wolfgang Börnsen  „Der unbequeme Demokrat“ im Blog bei Willi Schewski ↩︎

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