Gänsehaut auf dem Museumsberg: Welche Schauer-Szenen spielen sich heimlich im Park ab?

Wer braucht schon Hollywood-Horror, wenn Flensburgs Kulturidylle im fahlen Abendlicht zum echten Psycho-Trip taugt?

Idylle auf den ersten Blick

Eine der „Drei Figuren“ von Lilly Kröhnert (1950er Jahre), gefertigt aus Beton. Stilistisch archaisch und stark vereinfacht, um Trauer und Verzweiflung darzustellen.

Es sollte eigentlich nur ein entspannter Feierabendspaziergang werden. Die Schritte federn auf dem weichen Boden, der Kopf schaltet langsam ab. Es ist dieser magische Moment am frühen Abend, wenn sich die Sonne still und heimlich über der Förde verabschiedet und die Dämmerung ihre bläulichen, kalten Schatten über den Museumsberg1 wirft. Das Hans-Christiansen-Haus wirkt in diesem fahlen Licht fast ein wenig majestätisch-verlassen. Keine Museumsbesucher mehr, kein Alltagslärm – nur das leise Rascheln der alten Baumkronen im Wind.

Ein unheimlicher Wächter im Halbdunkel

Ich biege um die Ecke in die parkähnliche Grünanlage, blicke die Zentralachse entlang und starre plötzlich ins Nichts. Da steht sie. Eine mächtige, düstere Sandsteinstele2, die wie ein steinerner Zeigefinger in den dämmrigen Himmel ragt. Auf ihrer Spitze hockt eine Gestalt. Beim näheren Herantreten erkenne ich die Konturen im Halbdunkel:

Ein Mann, tief in den Stein gekauert, den Kopf gesenkt, den Stahlhelm tief im Nacken, die Hände auf ein Schwert gestützt. Ein unheimlicher, pathetischer Wächter der Vergangenheit. Es ist das alte Ehrenmal für die gefallenen Schüler und Lehrer der ehemaligen Oberrealschule. Die eingemeißelten Jahreszahlen von 1914 bis 1918 schimmern matt. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter – die steinerne Trauer dieses einsamen Soldaten ist fast körperlich greifbar.

Das Grauen kriecht durchs Gras

Doch der wahre Schock wartet nur wenige Meter weiter auf der Rasenfläche. Ich wende den Blick ab, will weitergehen – und weiche unwillkürlich einen Schritt zurück. Mein Herz macht einen ungesunden Sprung. Da, mitten im Gras, kriechen Gestalten. Im fahlen Zwielicht der einsetzenden Nacht wirken die grauen Silhouetten erschreckend lebendig und doch unendlich tot. Drei Körper, völlig deformiert, archaisch, wie aus einer anderen, schmerzhaften Welt geformt.

Zwei von ihnen kauern in tieber Agonie im Gras, der dritte kniet auf allen Vieren, den Kopf hilflos zu Boden gesenkt. Es ist ein stummer Schrei aus Beton, der mich in der Einsamkeit des Parks erwischt. In dieser Kulisse wirkt das Arrangement nicht wie harmlose Kunst, sondern wie das steinerne Überbleibsel einer Tragödie. Mir schaudert heftig. Wer hat diese Szene des nackten Entsetzens hier platziert?

Ein stummer Schrei wird zum Meisterwerk

Die Auflösung am nächsten Morgen bringt das Adrenalin wieder runter, lässt die Faszination aber bleiben: Was im Abendlicht wie ein Albtraum wirkte, ist hochkarätige Nachkriegskunst. Die Bildhauerin Lilly Kröhnert hat diese „Drei Figuren“ in den 1950er Jahren geschaffen. Ihre bewusste Vereinfachung soll genau das ausdrücken, was mich im Dunkeln so eiskalt erwischt hat: pure, archaische Verzweiflung und Trauer, die sich in unterschiedlichen Körperhaltungen Bahn bricht. Zusammen mit der historischen Stele bildet das Areal ein unfreiwilliges, aber meisterhaftes Open-Air-Theater der menschlichen Emotionen.

Showdown zur Geisterstunde

Ein heißer Tipp für alle, die den Nervenkitzel suchen: Vergesst die Ausstellungen am helllichten Tag. Schnappt euch eure Jacke, wartet die Dämmerung ab und lasst euch auf dem Museumsberg mal so richtig das Blut in den Adern gefrieren!

Adresse: Museumsberg 1 24937 Flensburg

Koordinaten: 54° 47′ 9.5″ N, 9° 25′ 54.3″ O (Dezimalgrad: 54.785969, 9.431744)

Quellen / Weiterführende Informationen

Beitragsbild: Sandsteinstele (aufgestellt 1921/22) zum Gedächtnis an die gefallenen Lehrer und Schüler der Oberrealschule I. Figur auf der Spitze: Kniender Mann mit Stahlhelm und Schwert. Der Ort:Grünanlage an der Ostseite des Hans-Christiansen-Hauses (Museumsberg Flensburg), geschützt unter der Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein (Objektnummer 8948).

  1. Website Museumsberg https://museumsberg.de ↩︎
  2. Siehe Beitragsbild: Die Sandsteinstele wurde in den Jahren 1921/1922 erstellt.
    Der Entwurf des Denkmals stammt von dem Flensburger Architekten Friedrich „Fritz“ Tiedemann. Die plastische Ausführung der Steinmetzarbeiten – einschließlich der Figur des knienden Soldaten mit Stahlhelm und Schwert auf der Spitze – wurde von dem Bildhauer Heinz Weddig umgesetzt. ↩︎

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