Aretha Louise Franklin (1942–2018) – Opfer sexueller Gewalt? Und darüber kein Wort?

Kommentar zum Podcast „Urban Pop – Musik-Talk mit Peter Urban“

Ich gestehe: Ich mag den Podcast „Urban Pop – Musik-Talk mit Peter Urban“. Viele Folgen hörte ich interessiert, manche sogar begeistert. Doch die Folge über Aretha Franklin ließ mit fassungslos zurück.

Warum?

Wie üblich beleuchtet Urban Kindheit und Jugend der Künstler, auch bei Aretha.

Aretha wird 1942 in Memphis, Tennessee, als Kind der Gospelsängerin Barbara Siegers Franklin (1917–1952) und des Baptistenpredigers C. L. Franklin (1915 – 1984) als mittlere von drei Schwestern geboren. Sie wächst in Detroit auf. Ihr Vater C. L. Franklin galt, wie Urban sagt, als „lebenslustig“, er hatte ein Verhältnis mit der Sängerin Clara Ward. Die Ehe mit Arethas Mutter, Barbara, ging in die Brüche.

Sie verließ die Familie und zog nach Buffalo. Aretha und ihre Geschwister blieben beim Vater in Detroit. Die Mutter sahen sie nur noch selten. Eine frühe Trennung, die Spuren hinterlassen haben dürfte.

Mit zehn Jahren starb die Mutter an einem Herzinfarkt. Urban spricht von einem „extremen Verlust, der nicht zu unterschätzen ist“. Arethas Leben sei „von Ängsten und Verlusten gefüllt“ gewesen.

Dann folgt eine irritierende Passage.

Urban berichtet, der Vater habe ein zwölfjähriges Mitglied des Chors der New Bethel Baptist Church „geschwängert“. Aus dieser Beziehung sei eine Halbschwester Arethas hervorgegangen.

Geschwängert?
Wir reden von einem erwachsenen Mann und einem zwölfjährigen Mädchen.Geschwängert?

Wir reden hier von einer Vergewaltigung, von der schwersten Form der sexuellen Gewalt. Und Urban redet von „geschwängert“? Was soll das?

Urban: „Und das alles sind Dinge, ich weiß nicht ob Kinder das so leicht verkraften können“?

Der Vater solle ein „zweifelhafter Typ“ gewesen sein, er solle ein „starkes Regime geführt“ haben und „das Management“ der Aretha gesteuert haben.

Dann folgt der nächste zentrale Punkt.

Mit 12 (zwölf) wurde Aretha schwanger. Bekam mit 13 ihr erstes Kind und mit 14 ihr zweites.“

Bitte: Mit 12 schwanger?

Erst nach ihrem Tode wurden Aufzeichnungen von Aretha veröffentlicht, wo sie schilderte, wer der Vater gewesen sei – hier: ein junger Mann aus dem musikalischen Umfeld. (dem „Gospel Circus“)

Sie wollte über die Vaterschaft nicht reden. Es wäre „die Wildheit des Teenager-Alters gewesen“. Der Gospel Circus sei „bekannt gewesen für seine „Promiskuität“. Urban: „Da hat Aretha Dinge erlebt, die man als Kind nicht unbedingt erleben sollte“. Der Vater solle „kein Unschuldslamm“ gewesen sein.

Dann Urban lakonisch „Eine harte Zeit eventuell“.

Bendixen: „Auf jeden Fall, lebensverändernder Moment. Es fällt auf, wie wenig sie über diese Zeit erzählt und erzählen mag und sie wehrt es immer wieder ab. Und trotzdem ist es ja immer so, es muss ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein“.

Aretha kümmerte sich nicht ausführlich um ihre beiden Kinder. Stattdessen übernahmen ihre Geschwister und die damals noch lebende Großmutter diese Aufgabe.

In einem Interview hätte Urban gelesen, das es für Aretha „zu persönlich“ gewesen wäre. Sie hätte gesagt: „Alles wie es damals passiert ist, sei gut gewesen … Es ist nicht die Rede gewesen, von irgendwelchen Andeutungen das da ein Missbrauch oder sowas passiert wäre“, sagt Urban.

Es war einfach eine Zeit, in der andere Regeln herrschten. Offensichtlich“.

Andere Regeln? Für wen genau?
Für erwachsene Männer? Oder für zwölfjährige Mädchen?

Das klingt, als sei Gewalt eine Stilfrage der Epoche gewesen. Als könne man sie historisch einordnen wie Schlaghosen oder Röhrenradios.

Doch ein Kind bleibt ein Kind. 1955 genauso wie 2026.
Machtmissbrauch wird nicht harmlos, nur weil er Jahrzehnte zurückliegt.

Und genau hier beginnt mein Unbehagen.

Ich frage mich, warum bringt Urban die traumatischen Geschehnisse nicht auf den Punkt: Aretha wurde mehrfach vergewaltigt und hat die (mutmaßlich ungewollten) Schwangerschaften nicht abgebrochen. Sie hat die vom Täter gezeugten Kinder ausgetragen.

Was wir auf der Website des Norddeutscher Rundfunk lesen – „Sie (Aretha) selbst wurde schon als Teenagerin zweifache Mutter.“ – halte ich für verharmlosend.

Treffender wäre gewesen: Aretha wurde als Kind schwanger – unter Umständen, die auf sexuelle Gewalt aus ihrem näheren Umfeld hindeuten. Sie brach die Schwangerschaften nicht ab, sondern brachte beide Kinder zur Welt.

Quelle

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