Am Schützenpark Kiel – Zwischen Schultafel und Schlagstock

Ich lese: „Personenkontrolle im Schützenpark – mehrere Strafanzeigen eingeleitet.1 Kalter Ton. Kein Adjektiv. Nur Protokoll. Ein Mischklump aus Ordnung und Chaos. Die eine Hälfte des Parks: Gossenpoeten, Galgenvögel, Kanaille. Die andere: Spaziergänger, Familien, Elli Pirelli auf dem Weg vom Kinderladen. Neben mir liegt ein Foto. 19152.

Blick vom Schützenwall zur Harmsstraße.
Höhere Mädchenschule II. Aufrecht, ernst, preußisch.

Junge Frauen mit Zöpfen. Weiße Blusen. Dunkle Röcke.
Disziplin in Stoff genäht. Kein Winkeladvokat, kein vierschrötiger Flegel weit und breit.

Ich halte das Bild gegen das Licht.
Und plötzlich bewegt es sich…

Eine von ihnen löst sich aus der Gruppe.
Schalksernst in den Augen.

„Was starrst du so?“

Ich tippe wieder auf den Bildschirm.
Personenkontrolle. Anzeige.
Ein Rabulist hätte Freude, ein Taugenichts säße daneben.

Die Sirene draußen schneidet durch den Abend wie eine Eispeitsche.
Ordnung damals. Ordnung heute. Anders verpackt.

Das Mädchen tritt vor.
„Hier lernten wir Französisch. Und Anstand.“

Ich nicke.
„Heute lernt man, wie schnell ein Platzverweis kommt.“

Sie runzelt die Stirn.
„Ist es gefährlich?“
Ein artfremd-gedachter Gedanke huscht durch meinen Kopf.

Vierschrötige Flegel auf Bänken.
Ein Filou hantiert mit einer Kalesche.
Ein paar erzhäßliche Gestalten tun, was sie tun.

Das Foto wirkt ehrlicher. Nicht besser. Nur still.

Das Mädchen lächelt schwach.
Dann friert sie ein. 1915. Schwarzweiß.

Die Bäume stehen wie damals. Sie urteilen nicht.
Geschichte verlagert sich. Zwischenstille zwischen Ordnung und Chaos.

Am Schützenpark. Bühne für Tugend und Haderlust.
Ort für Schultafel und Schlagstock. – Ende- .


Quellen / Weiterführende Informationen

Beitragsbild: Blick vom Schützenwall zur Harmsstraße mit der Höheren Mädchenschule II. (später Käthe-Kollwitz-Schule), Vicelinkirche und Stadtkloster. Von Hermann Edlefsen (1877-1914), Datierung: um 1915. 

  1. Der Schützenpark in Kiel, gelegen im Stadtteil Kiel-Südfriedhof,  gilt seit Jahren als sozialer Brennpunkt, insbesondere aufgrund einer offenen Drogenszene und damit verbundener Begleitkriminalität. Dennoch ist die Anlage im Jahr 2026 Ziel umfangreicher städtebaulicher Aufwertungsmaßnahmen. ↩︎
  2. Der Schützenpark wurde 1903–1909 als eine der ältesten und lange als attraktive grüne Parkanlage Kiels angelegt – mit Sitznischen, Terrassen und Pergolen. Vor dem Zweiten Weltkrieg galt er als ruhiger Erholungsort. Im Krieg und danach verlor er an Ausstattung und Aufenthaltsqualität.
    Über Jahrzehnte blieb er ein klassischer Stadtpark: Wasserflächen, Spielwiese, Wege zum Spazieren. Neben dem Park entstanden soziale Einrichtungen wie Kindertagesstätte, Familienzentrum und Bibliothek. ↩︎

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