Postkartenidylle mit Blaulichtrand: Kiel-Gaarden zwischen Klischee und Kiezrealität

Heute Morgen klingelt mein Handy mit der neuesten Polizeimeldung1: Wieder Messerangriff, wieder Drogenkontrolle, wieder Brandserie. Die Schlagzeilen malen Gaarden als gefährliches Pflaster, und ich stehe mittendrin.

Ich schaue über die Dächer, sehe den Teppich aus Bäumen und Altbauten, dahinter Bahnanlagen, Hafen und Werften. Am Horizont glitzert die Förde zwischen Kränen und Schornsteinen. Postkartenidylle? Ja, ein bisschen – und doch so anders, wenn man mittendrin geht.

Früher waren hier Bauernhöfe: Hemminghestorp, Wulvesbrooke2. Ich stelle mir vor, wie Kieler Familien auf Ausflügen zwischen Gärten und Feldern flanierten. Dann kamen die Werften nach 1860, Kiel wurde Reichskriegshafen, und Gaarden explodierte: Von ein paar Hundert auf über 30.000 Menschen bis 1910. Ich kann mir die Enge der Mietskasernen vorstellen, die Arbeiter direkt bei den Werften lebten.

Heute läuft Gaarden im Programm „Soziale Stadt“ und in „Gaarden hoch 10“. Ich sehe die Maßnahmen: renovierte Fassaden, neue Spielplätze, Kulturprojekte. Trotzdem dominieren Schlagzeilen die Wahrnehmung. Ich spüre, wie der Mythos „Früher war es besser“ trügt: Schon im Kaiserreich lebten hier Menschen unter schlechten Bedingungen, niedrigen Löhnen, langen Arbeitszeiten. Die Werftenkrisen, Kriege und Verarmung machten vieles noch härter.

Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich keine reine Postkarte, aber auch keinen durchgängigen Brennpunkt. Ich sehe Menschen, die sich organisieren, Initiativen, die den Stadtteil verändern. Die Polizeimeldungen bilden nur einen Filter: Blaulicht statt Alltag, Ausnahme statt Routine.

Und während die Medien Gaarden als Problemviertel stempeln, erinnere ich mich daran: Hinter jedem Einsatzprotokoll steckt ein Stadtteil mit Geschichte, Architektur und Leben. Es ist leichter, Menschen zu stigmatisieren, als Industrie- und Wohnungspolitik zu ändern – und genau das sehe ich hier, in jedem Winkel, zwischen Blaulicht und Blaulichtrand.

Quellen / Weiterführende Informationen

Beitragsbild: Bleistiftzeichnung Kiel-Gaarden, Autor: unbekannt

  1. NDR https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/kiel_neumuenster_ploen_rendsburg-eckernfoerde/polizeieinsatz-in-kiel-gaarden,regionkielnews-1466.html ↩︎
  2. Der höchste natürliche Punkt in Kiel ist der Wohlersberg im Stadtteil Rönne mit 74,2 Metern über Normalnull. Der Fernmeldeturm Kiel ist jedoch das höchste Bauwerk in der Stadt und mit 226,9 Metern das zweithöchste Bauwerk in Schleswig-Holstein, obwohl er kein natürlicher Punkt ist.  
    ↩︎

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