Zwischen Torfpfannkuchen und Weltkrieg: Wenn Nordfriesland wieder zu sprechen beginnt

Ein Meer treibt von Süden her. Ein Schwein entkommt dem Schlachter. Und ein gefallener Vetter flüstert aus dem Untergrund. Erk Petersen gräbt tiefer als jeder Heimatkundler.

Manchmal beginnt alles mit einem Satz.
Und plötzlich rauscht es.

„Deer driif en heef foont sööden jurt.“ – “ Es trieb ein Meer vom Süden her.“ Schon dieser Titel trägt Salz im Bart. Und Geschichte im Gepäck.

Der 1946 in Niebüll geborene und in Flensburg lebende Autor Erk Petersen ist kein Heimatdichter mit Häkeldeckchen. Er ist Mythologe. Naturwissenschaftler. Philosoph. Lebenskünstler. Einer, der in den Boden lauscht wie andere ins Radio.

Sein Band1
Deer driif en heef foont sööden jurt – En ütwool foon toochte, tääle än dächte
versammelt Gedanken, Geschichten, Gedichte. Friesisch und Deutsch. 172 Seiten Widerstand gegen das Vergessen.

Petersen nennt das „Rekonstruierte Folklore“.
Ich nenne es literarische Archäologie.


Die Sprache, die verschüttet wurde

Petersen las alte dänische und schleswig-holsteinische Sagensammlungen. Und merkte: In der Volkssprache steckte mehr Denken, mehr Welt, mehr Kosmos, als wir uns heute eingestehen.

Was nicht mehr gesprochen wird, stirbt.
Was nicht mehr gedacht wird, fault.

Er schreibt gegen diese Verarmung an.
Nicht museal. Nicht staubig. Sondern mit Feuer.


Der gefallene Vetter und das Meer im Boden

Die stärkste Erzählung trifft ins Mark: „Es trieb ein Meer vom Süden her“.

Ein Vetter. Gefallen im Zweiten Weltkrieg. Russland. Er ahnte sein Ende. Der Autor konnte ihn nie kennenlernen. Und doch berührt ihn diese Geschichte bis heute.

Das Geniale: Petersen verbindet Krieg mit Geologie.
Mit der Vorgeschichte Nordfrieslands.
Mit Sedimenten, die Erinnerung speichern.

Er denkt an Amplitudenmodulation.
Und plötzlich sendet der Untergrund.

Das ist kein Pathos. Das ist eine stille Frequenz.
Man muss nur hinhören.


Das Schwein, das weise wurde

Dann „Güüsche von Galmsbüll“. Eine Schweine- und Wundergeschichte.

Im Langenberger Forst, zwischen Leck, Stadum und Enge-Sande, liegt ein sagenhaftes Schweinetal. Rund 1000 Hektar Wald. Der größte im Kreis.

Dort entkommt ein Schwein dem Schlachter.
Und wird alt. Und klug.

Menschen und Tiere leben ohne Zuchtmeister-Gehabe nebeneinander. Eine Art friesisches Shangri-La. Artfremd zum modernen Mastbetrieb.

Man möchte sofort hinfahren.
Und prüfen, ob der Wind noch flüstert.


Die Rantzauhöhe und die Scharen der Entrückten

Im selben Forst ragt die Rantzauhöhe auf. 45 Meter. Dritthöchste Erhebung im Kreis Nordfriesland. In „Verschwünen“ wirkt sie wie ein Magnet.

Lebewesen senden unsichtbare Leitstrahlen aus.
Menschen verlassen plötzlich ihr sesshaftes Leben.

Wie von innerer Glut getrieben ziehen sie in die Wälder. Entsagen der Zivilisation. Der Bodenständigkeit. Der Sexualität.

Eine ketzerische Idee.
Eine Parabel auf unsere Zeit?

Wer weiß.


Arche Noah aus Torf

In „Unsere Arche Noah“ geht Petersen noch weiter zurück. Ins Risumer Moor2.

Eine Ursprungssage. Acht Erzählebenen. Ein riesiger Torfpfannkuchen, angeblich von Island nach Nordfriesland geschwemmt.

Die einen heiligen ihn.
Die anderen bauen ihn ab.

Nach der ersten Mandränke 1362 frisst sich das Meer bis an die Sanderinsel heran. Später bricht bei der zweiten Mandränke ein Deich. 402 Tote.

Heute ist der Pfannkuchen verschwunden.
Und mit ihm der Glaube an Rettung.

Das ist kein Zufall.
Das ist Diagnose.


Wer ist Erk Petersen?

Er wächst mit Westermooringer3 Friesisch auf. Studiert Friesisch, Indologie und Niederlandistik in Kiel. Schreibt Gedichte. Verfasst ein deutsch-friesisches Wörterbuch. Übersetzt Theaterstücke.

Und er tut etwas Seltenes:
Er nimmt die friesische Landschaft ernst.

Nicht als Postkarte.
Sondern als Mythenspeicher.


Warum dieses Buch wichtig ist

Weil es gegen das Vergessen anschreibt.
Weil es Weltgeschichte in ein Schweinetal legt.
Weil es zeigt, dass Nordfriesland mehr ist als Windräder und Wattwanderung.

Petersen schreibt für eine vielleicht noch fiktive Gemeinschaft. Eine, die wieder Hunger nach Mythologie entwickelt.

Und ja: Das gelingt.

Dieses Buch pflanzt Geschichten ins Gemüt.
Und dort treiben sie weiter.

Wer nur nüchterne Chronik sucht, wird enttäuscht.
Wer Welt im Untergrund hören will, sollte lesen.

Quellen / Weiterführende Informationen

  1. Das Buch „Deer driif en heef foont sööden jurt.“ – “ Es trieb ein Meer vom Süden her“ findet sich in jeder gut sortierten Buchhandlung vor Ort oder online direkt im Webshop des Friisk Foriining. Der Friisk Foriining ist ein Nordfriesischer Kulturverband, der sich für die Förderung der nordfriesischen Sprache und Identität einsetzt. https://friiske.de/de/produkt/erk-petersen-deer-driif-en-heef-foont-sooden-jurt/ ↩︎
  2. Wissenswertes über Risummoor: Risum wird gemeinsam mit Lindholm im Waldemar-Erdbuch als Bestandteil der Bökingharde erwähnt. Die beiden Orte sowie Niebüll und Deezbüll befinden sich auf einer eiszeitlichen Sanderinsel, die nach dem dort noch im Mittelalter vorhandenen Hochmoor Risummoor genannt wurde.
    Nachdem das Meer nach der ersten großen Mandränke 1362 bis an diese Insel vordrang, wurden die gefährdeten Teile bedeicht. Dieses Gebiet wurde später als Risummoorer Kornkoog bezeichnet. 1580 wurde der mittelalterliche Deich verstärkt.
    Im 15. Jahrhundert entstanden durch den Bau eines Damms nach Stedesand der Große Kohldammer-Koog, der in Lindholm-Kohldammer-Koog und Risum-Kohldammer-Koog eingeteilt ist, 1544 der Kleine Kohldammer-Koog.
    Dessen Deich brach bei der zweiten Mandränke, was 402 Menschen das Leben kostete. Erst bei der Gewinnung des Maasbüller Herrenkoogs 1641 wurde die Lücke wieder geschlossen. ↩︎
  3. Bökingharder Friesisch (manchmal verallgemeinert auch Mooring, Eigenbezeichnung Frasch) ist eine der zehn Hauptmundarten des Nordfriesischen. Das Bökingharder Friesisch gehört zu den festlandnordfriesischen Mundarten.
    Der Dialekt wird auf dem Festland des Kreises Nordfriesland in der Bökingharde gesprochen. Heute gibt es wieder einige tausend Sprecher. In Risum besteht eine dänisch-friesische Grund- und Hauptschule. ↩︎

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