„Die Krippenlüge“: Systemkritik und ihre Auswirkungen auf Kinder

Dieses Buch „Die Krippenlüge“12 sucht keinen Beifall. Es stört, widerspricht, legt den Finger in die Wunde und zwingt zur Antwort. Warum das wichtig ist, erkläre ich hier.

Ein Titel wie eine Ohrfeige

„Hier ist niemand, der sie in die Arme nimmt.“ S. 21

Der Titel schlägt ein wie ein Paukenschlag. „Die Krippenlüge“ polarisiert, provoziert, spaltet. Man kann das kalkuliert nennen. Oder mutig. In jedem Fall zwingt er zur Stellungnahme.

Das Buch übertreibt – und trifft. Warum beides stimmt. Der Begriff „Lüge“ lässt keinen Spielraum. Er unterstellt Täuschung und stellt ein ganzes System infrage – nicht nur einzelne Missstände oder Ausnahmen, sondern die Grundannahme selbst.

Wer Harmonie sucht, greift besser zu einem Erziehungsratgeber mit Pastellcover. Dieses Buch wählt den Alarmton. Gleich zu Beginn heißt es:

Das System ist krank, … . Und weil das System krank ist, leiden im Grunde alle darunter, allen voran die Kinder. Wer das mit Lügen überdeckt, macht es nicht weniger wahr, sondern hält nur etwas aufrecht, was es dringend zu reformieren gilt. Machen wir uns bitte nichts vor, wir reden uns die Krippen schön. Vielleicht auch deshalb, weil wir eigentlich wissen, dass viele Kinder leiden, wir das aber partout nicht spüren wollen. Es wir schier nicht auszuhalten, sich der Wahrheit zu stellen.“ S. 8

Die Autorin Dr. Anke Ballmann belässt es nicht bei der Diagnose. Sie legt den Finger auf die wunde Stelle. Nicht einzelne Einrichtungen stehen am Pranger, sondern ein Denken, das Betreuung als Fortschritt feiert und Zweifel als Rückschritt abtut.

Im Zentrum steht das Kind. Seine Bindung, seine Verletzlichkeit, seine Stimme, die im politischen Lärm oft untergeht. Wirtschaftliche Interessen, Ausbauquoten, Erwerbsbiografien – sie treten zurück. Entscheidend ist die Frage: Was braucht ein kleines Kind wirklich?

Pädagogik beginnt bei der eigenen Biografie

„Manche Fachkräfte nutzen ihre Macht, einfach weil sie es können … weil sie grausam sind.“ S. 21

Ein persönlicher Aspekt hat mich besonders berührt: die Passage zur Selbstreflexion pädagogischer Fachkräfte. Nur wer mit sich im Reinen ist, kann Kinder stabil begleiten. Psychische Erkrankungen, ungelöste Traumata, Süchte – all das darf kein Tabu sein. Diese Klarheit wirkt unbequem, aber notwendig. Pädagogik beginnt bei der eigenen Biografie. Die Autorin kritisiert:

In der Regel findet auch keine ernstzunehmende Reflexion der eigenen Kindheitserlebnisse statt. Das aber ist wesentlich, denn der Umgang mit Kindern führt immer auch in die eigene Kindheit zurück und damit oft zu eigenen frühen Wunden und Verletzungen. Um Unbewusstes nicht auf die Kinder zu übertragen, die einem anvertraut sind, sondern davon losgelöst und professionell zu agieren braucht es ein Bewusstsein über eigene Triggerpunkte.“ S. 31

Dauerstress im Bastelraum: Endlich spricht es jemand aus

Besonders stark sind die Passagen zu realen Missständen: Personalmangel, zu große Gruppen, permanenter Zeitdruck, Kinder im Dauerstress, Bindungsverluste im Schichtbetrieb. Das wird nicht beschönigt, sondern benannt. Diese Schonungslosigkeit empfinde ich als befreiend. Endlich spricht es jemand aus.

Dr. Rahel Dreyer, Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre (tat) sich im Jahr 2024 mit 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen …, um einen dringenden Appell an die Regierung zu formulieren. Im gemeinsam unterzeichneten Brief wurde unter anderem darauf hingewiesen, dass es mindestens 20 % der Kinder in außerfamiliären Einrichtungen nicht gut gehe; sie würden Auffälligkeiten entwickeln, die einer Depression nicht unähnlich seien. Was Frau Dreyer 2024 initiiert hat, liegt der Regierung schon seit 2019 vor. Damals hat eine Gruppe rund um Dr. Agathe Israel und die Vereinigung Anp-lytischer Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und Therapeutinnen einen »Aufruf zur Wende in der Frühbetreu-ung« verfasst, welcher ebenfalls von zahlreichen führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichnet wurde. Eine Resonanz war verschwindend gering bis gar nicht vorhanden.“ S. 89

Bindung als Fundament

Abrechnung mit dem Mythos der „harmlosen“ Gewalt

Hoch anzurechnen ist auch das Aufräumen mit alten Mythen. Schläge hätten noch keinem geschadet? Unsinn. Das Buch stellt klar, was Gewalt mit kindlicher Psyche anrichtet – ohne Relativierung, ohne nostalgische Verklärung.

Sie stützen sich auf prägende Stimmen. Alice Miller etwa argumentiert in „Du sollst nicht merken“ 3konsequent aus der Sicht des Kindes und zeigt, wie frühe Verletzungen im späteren Leben fortwirken.

Auch Herbert Renz-Polster („Erziehung prägt Gesinnung“)4 und Sven Fuchs (Die Kindheit ist politisch!) 5 belegen eindrücklich: Was Kinder in den ersten Jahren erleben, prägt ihr Denken, Fühlen und Handeln weit über die Kindheit hinaus.

Komplexe Zusammenhänge werden in klare Bilder übersetzt. Ohne Fachchinesisch, ohne akademisches Muskelspiel. Das macht das Buch zugänglich und wirksam.

Erst die Bindung, dann der Stundenplan

Die Stärke des Buches liegt im Blick auf Bindung und Urvertrauen in den ersten drei Lebensjahren. Die Autorinnen erklären die Grundlagen der Entwicklungspsychologie klar und ohne Fachjargon.

Ein roter Faden des Buches ist klar: In vielen Einrichtungen dominiert der Ablauf, nicht die Beziehung. Tagespläne sind eng getaktet. Regeln stehen früh. Erwartungen ebenso. Doch ein zweijähriges Kind versteht keine Organisationslogik. Es versteht Nähe, Stimme, Blickkontakt.

Wenn sehr junge Kinder in starre Strukturen gepresst werden, die sie kognitiv und emotional noch nicht begreifen können, entsteht Anpassung statt Entwicklung. Funktionieren ersetzt Verstehen. Das ist der Kern der Kritik.

Diese Logik zeigt sich nicht nur in klassischen Krippen. Auch in Teilen der Kindertagespflege sind ähnliche Tendenzen zu beobachten. Längst haben sich größere Zusammenschlüsse gebildet, die mehrere Tagespflegestellen bündeln. Räume werden angemietet, Konzepte standardisiert, Plätze effizient verwaltet. Öffentliche Mittel fließen. Betreuung findet statt – formal korrekt.

Doch wo Betreuung zur Verwaltung wird, leidet die Beziehung. Kontrolle bleibt schwierig, solange kein eindeutig nachweisbarer Schaden vorliegt. Und gerade bei sehr jungen Kindern ist dieser Nachweis komplex. Sie haben oft keine Sprache für Grenzverletzungen. Beschwerden bleiben aus. Gerichte werden erst aktiv, wenn Vorfälle offensichtlich sind.

Dabei liegt in der Kindertagespflege enormes Potenzial: Kleine Gruppen, Kontinuität, Nähe. All das kann ein Gegenentwurf zum institutionellen Takt sein. Voraussetzung ist jedoch Qualität, klare Standards, verlässliche Aufsicht und vor allem Menschen, die nicht nur Kinder „betreuen“, sondern sie wirklich wahrnehmen.

Beziehung ist kein Beiwerk. Sie ist die Grundlage. Ohne sie bleibt jede Struktur leer.

Schatz oder Schlupfloch? Die Kindertagespflege

Die Praxisberichte zur Kindertagespflege gehören zu den stärksten Passagen.
Kleine Gruppen.
Eine konstante Bezugsperson.
Mehr Nähe. Mehr Bindung.

Das ist kein Wolkenkuckucksheim. Das ist gelebte Praxis. Bindungsorientiert. Konkrete Beispiele. Hoffnung inklusive.

Aber.

Der Einstieg in die Kindertagespflege ist leicht. Vielleicht zu leicht. Ein Führungszeugnis, ein Schulabschluss, ein kurzer Kurs. 160 Theoriestunden, ein Praktikum. Fertig. Und: Wer einmal eine Pflegeerlaubnis hat, behält sie auch – selbst wenn Grenzen überschritten werden. Ein bisschen zu hart am Arm gezogen? Nicht nett gesprochen? Kinder weggesperrt? Solange kein nachweislicher Schaden entsteht, passiert nichts. Und wer soll den Schaden nachweisen, wenn Kinder keine Worte haben?

Großtagespflege-Ketten haben das System längst für sich entdeckt.

Räume werden angemietet, weitervermietet, Plätze geschaffen – Fördermittel kassiert. Betreuung? Funktioniert – irgendwie. Kontrolle? Kaum möglich.

Klagen? Kaum jemand. Richter? Nur bei nicht zu leugnenden Schäden.

Kindertagespflege wäre ein Schatz. Wenn man sie lässt. Wenn man sie stärkt. Wenn man nicht nur Kinder mögen muss – sondern sie wirklich sehen kann. Und sie verstehen will.“ S. 62

Kritik am System / Politische Forderungen

Die Systemkritik ist deutlich. Und sie trifft einen Nerv. Eltern stehen unter massivem Druck, ihre Kinder früh abzugeben. Die versprochene Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleibt oft Fassade. Die Doppelbelastung vieler Mütter ist Realität. Väter bleiben zu oft Randfigur.

Das Buch benennt das klar als politische Frage. Es skizziert auch Lösungsansätze. Etwas andere staatliche Prioritäten bei der Finanzierung. Man muss diese Position nicht in jedem Punkt teilen. Aber man kann sie schwer ignorieren. Zitat:

„Was läuft hier falsch? Astronauten reisen quer durch die Galaxie, und wir schaffen es nicht, jedem Krippenkind eine gute Krippe zu ermöglichen? Wir können Menschen anrufen, die auf Inseln im zentralen Pazifik leben,

und kriegen es nicht hin, Krippenkindern Gewaltfreiheit zu garantieren?“, S. 188

Und doch gibt es Kritikpunkte

Der Einstieg erschreckt. Er malt ein düsteres Bild. Das kann Eltern unnötig verunsichern. Orientierung fehlt an manchen Stellen. Was soll eine Familie konkret tun, wenn beide arbeiten müssen? Hier hätte ich mir mehr pragmatische Leitplanken gewünscht.

Auch vermisse ich eine nüchternere wissenschaftliche Einordnung.

Beispiel: „Mehrere Studien zeigen, dass der überwiegende Teil der Krippen in Deutschland durch mangelhafte Qualität nicht einmal grundlegende pädagogische Standards erfüllt„, S. 19.6

Um welche Studien es sich dabei handelt, wird nicht genannt. Kann man das nicht von einer Akademikerin erwarten?

Das Buch vertritt klar eine politische Haltung. Es argumentiert engagiert, manchmal kämpferisch. Das ist legitim. Doch an einigen Stellen hätte mehr Distanz gutgetan. Mehr Abwägung. Mehr Gegenstimmen.

Ein Stichwortverzeichnis mit direktem Verweis auf wissenschaftliche Quellen fehlt ebenfalls. Für ein Werk, das sich stark auf Studien beruft, wäre das ein Gewinn. Wer tiefer einsteigen will, muss selbst suchen.

Fazit: Unbequem. Einseitig. Wichtig.

„Die Krippenlüge“ ist kein ausgewogenes Lehrbuch. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer. Ein politisches Buch. Ein unbequemes Buch. Seine Schwächen liegen in der Zuspitzung. Seine Stärke liegt im Mut zur Wahrheit.

Das Buch bleibt dabei stets freundlich im Ton. Lesbar. Nahbar. Man spürt die Freude der Autorinnen an ihrer Arbeit. Und ihr Engagement für die Würde und Rechte von Kindern.

Wer es liest, wird sich positionieren müssen. Und genau das ist vielleicht seine größte Leistung.


Quellen / Weiterführende Informationen

Beitragsbild von (c) Willi Schewski. Es zeigt das Buchcover und im Hintergrund eine Kindertagesstätte.

Das Buch können Sie im gut sortieren Buchhandel vor Ort erwerben oder online u. a. bei Amazon (bezahlter Link).

  1. Von Autorin Dr. Anke Elisabeth Ballmann:. Sie ist Pädagogin, Psychologin und Traumatherapeutin (NET). Seit drei Jahrzehnten setzt sie sich für kindgerechtes Lernen und gewaltfreie Pädagogik ein.
    Sie gründete das Institut LERNMEER, lehrt an der Universität Erlangen-Nürnberg und initiierte die Stiftung Gewaltfreie Kindheit. In über 1.000 Kitas arbeitete sie mehr als 45.000 Stunden mit Fachkräften, Eltern und Kindern. Ihr Motto: Lernen mit Leib und Seele. ↩︎
  2. Und Co-Autorin Claudija Stolz. Sie ist Traumapädagogin und systemische Kinder- und Jugendlichentherapeutin. Als dreifache Mutter und erfahrene Tagespflegeperson stärkt sie Bindung und traumasensible Frühbetreuung.
    Sie arbeitet als Dozentin in der Fachkräfte- und Kindertagespflege-Ausbildung, berät Familien und hält Vorträge zu bindungsbasierter Eingewöhnung und außerfamiliärer Betreuung. Sie ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für frühkindliche Bindung. ↩︎
  3. Bezahlter Link ↩︎
  4. Bezahlter Link ↩︎
  5. Bezahlter Link ↩︎
  6. z. B. NUBBEK-Studie, DJI-Kinderbetreuungsreport, Bertelsmann „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“. ↩︎

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑