Interview mit Autor Norbert Denef (2018): „Ich wurde sexuell missbraucht“

Norbert Denef wurde als Kind über acht Jahre lang von einem Pfarrer und einem Kirchenangestellten sexuell missbraucht1. Dieser Seelenmord, wie er es selbst nennt, führte später zu schweren Depressionen. Nach 35 Jahren brach er sein Schweigen und erhielt von der Katholischen Kirche als erstes bekanntes Missbrauchsopfer in Deutschland eine Abfindung in Höhe von 25.000 Euro – unter einer Bedingung: Er sollte sich verpflichten, über seine schrecklichen Erlebnisse weiterhin zu schweigen, so wie er es bereits jahrelang aus Angst, Scham und Schuldgefühlen getan hatte.

Doch Norbert Denef hielt sich nicht daran und machte seinen Fall in den Medien bekannt. Sein Buch ist das Zeugnis eines Menschen, der sexualisierte Gewalt erfahren hat. Es zeigt, wie zerstörerisch diese Verbrechen das gesamte weitere Leben eines Opfers prägen. Es schildert zudem, wie Familie und Umfeld auf seine Offenbarung reagierten und wie die Katholische Kirche mit seinem Fall umging.

Mit großem Engagement sensibilisiert Norbert Denef die Gesellschaft für dieses Thema und ermutigt Betroffene, ihr Schweigen zu brechen. Sein Hauptanliegen ist die Abschaffung der Verjährungsfrist für sexuelle Gewaltverbrechen im Zivilrecht. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, richtete er eine Petition an den Deutschen Bundestag. Auf seiner Internetseite können Unterstützer die Petition unterzeichnen. Mehr als 2.800 Menschen, darunter auch einige Prominente, haben dies bereits getan.

Die WOCHENSCHAU hatte Gelegenheit, mit dem Autor ein kurzes Gespräch zu führen und nach seinen Motiven zu fragen.

WOCHENSCHAU: Herr Denef, was ist der Anlass für Ihre Beschwerde?

Norbert Denef: Die Verjährungsfrist für sexuelle Gewaltverbrechen im Zivilrecht schützt die Täter, denn die Opfer können oft erst viele Jahrzehnte später über die Verbrechen sprechen. Sie müssen mit einer Verleumdungsklage rechnen, wenn sie nach Eintritt der Verjährung ihr Schweigen brechen. Der Gesetzgeber macht sich mitschuldig am leidvollen Schweigen der Opfer. Er verhindert die Aufarbeitung der Verbrechen. Die bisherige Verjährungsregelung verstößt gegen die Menschenrechte.

WOCHENSCHAU: Was möchten Sie mit Ihrer Beschwerde erreichen?

Norbert Denef: Damit Opfer sexueller Gewalt nicht länger schweigen müssen, fordere ich die Aufhebung der Verjährungsfrist bei Zivilklagen. Der Begriff „sexueller Missbrauch“ ist irreführend. Es handelt sich um Gewalt, die schwere psychische und körperliche Folgen nach sich zieht. Darüber muss die Gesellschaft informiert werden. Ebenso darüber, dass Opfer sich den Verbrechen und ihren Folgen oft erst Jahrzehnte später stellen können und lebenslange Schäden davontragen.

WOCHENSCHAU: Bitte geben Sie eine kurze Begründung für Ihre Beschwerde.

Norbert Denef: Sexuelle Gewalt bedeutet das Ende der Kindheit und den Beginn lebenslangen Leidens an Körper und Seele. Scham- und Schuldgefühle werden durch das gesetzlich verordnete Schweigen verstärkt. Dadurch bleibt das Verbrechen in der Gesellschaft tabuisiert. Wenn Opfer ihrem Leid keine Worte geben dürfen und über ihren Schmerz nicht frei sprechen können, zerbrechen sie.


Nachtrag: Das Interview erschien 2008 in der Wochenschau. Ich führte das Gespräch und organisierte außerdem am 21. Februar 2008 eine Lesung mit Norbert Denef im Flensburger Kühlhaus, die ebenfalls in der Wochenschau angekündigt wurde.

Ergänzung: Norbert Denef (* 5. Mai 1949 in Delitzsch) war in den Jahren 2010 bis 2018 Vorsitzender des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt (netzwerkB, später netzwerkBplus). Der Verein wurde im Oktober 2025 aufgelöst2. Denef ist schwerkrank und lebt seit Mai 2026 in einem Hospiz im Schloß Bernstorf.3 Denefs Tochter, Kristine, ist ebenso todkrank und lebt gemeinsam mit ihrem Vater und der Mutter im Hospiz Bernstorf.4

Foto: Bildschirmaufnahme von dem Original-Artikel

Quellen:

  1. Website Norbert Denef https://norbert.denef.com/ ↩︎
  2. Siehe FB https://www.facebook.com/netzwerkbplus/ ↩︎
  3. Ostsee Zeitung https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/nordwestmecklenburg/grevesmuehlen/bekanntes-missbrauchsopfer-der-kirche-lebt-im-hospiz-bernstorf-und-hat-trotz-krebs-grosse-plaene-POK3FDSU6VDOTBQFFJCZ7HWGUM.html ↩︎
  4. Website Norbert Denef https://norbert.denef.com/o%ef%ac%80ener-brief-an-den-bischof-von-magdeburg/ ↩︎

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