Manchmal braucht es keine Schlagzeile, keinen Polizeibericht und keine große politische Debatte. Manchmal reicht ein Abendspaziergang durch den Carlislepark, um über den Zustand unserer Gesellschaft nachzudenken.
Zwischen Baumkletterern und Bauchgefühl
Der Carlislepark am Abend – eigentlich ein Ort zum Durchatmen, ein bisschen Natur mitten in der Stadt, ein Ort, an dem der Kopf ruhiger werden kann. Doch schon nach wenigen Minuten beginnt das Gedankenkarussell. Ich sehe junge Frauen, die sich im Baumklettern üben. Aktivismus trifft Abenteuer, denke ich mir – vielleicht Nachwuchs für die nächste Besetzerszene, vielleicht einfach nur Menschen, die eine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung gefunden haben. Wer weiß. Der Wald am Gleisbach als Trainingsplatz für die nächste Generation von Protestlern, oder doch nur ein paar junge Leute, die Spaß haben? Manchmal ist die Realität weniger spektakulär als die eigene Fantasie. Ich gehe weiter.
Die Begegnung an der Bushaltestelle
Dann kommt mir an der Bushaltestelle eine junge Gestalt entgegen. Keine 25 Jahre alt, schwarzes Oberteil, ein Aufdruck, irgendetwas mit Hass, der Gang langsam, schleppend, fast provozierend. Dann dieser Blick – stechend, direkt auf mich gerichtet. Es ist nur ein kurzer Moment, aber manchmal reichen Sekunden, um ein ungutes Gefühl zu bekommen.
Ich habe den Eindruck: Dieser junge Mann sucht keinen Austausch. Er sucht eine Reaktion. Ein Wort, einen Streit, einen Anlass. Er rülpst oder sagt etwas Provokantes, ich verstehe es nicht genau, vielleicht will ich es auch nicht verstehen. Ich gehe weiter. Nach ungefähr zehn Metern drehe ich mich um – er schaut immer noch, er wartet. Vielleicht auf eine Antwort, vielleicht darauf, dass jemand seinen Hass aufnimmt und zurückwirft. Diesen Gefallen tue ich ihm nicht. Denn manche Menschen suchen keine Lösung, sie suchen eine Bühne für ihre Wut.
Der Shitbürger als Warnsignal
Der Begriff „Shitbürger“ ist hart, vielleicht sogar bewusst überspitzt. Aber er beschreibt eine Entwicklung, die viele Menschen wahrnehmen: Menschen, die innerlich aufgegeben haben, deren Frust irgendwann in Ablehnung, Aggression oder Hass umschlägt. Die entscheidende Frage lautet: Wie verhindert eine Gesellschaft, dass aus Frust irgendwann Gefahr wird? Denn wenn der Moment kommt, in dem jemand zuschlägt, ist es zu spät.
18 Prozent und das Gefühl, dass niemand zuhört
Am selben Abend kommen neue Zahlen zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein auf den Tisch. Die AfD liegt bei rund 18 Prozent. Die CDU bleibt zwar deutlich stärkste Kraft, muss aber Verluste hinnehmen. Fast jeder fünfte Schleswig-Holsteiner würde derzeit also AfD wählen. Das ist kein Zufall, und es ist zu einfach, diese Menschen pauschal in eine Schublade zu stecken. Viele wählen aus Protest, viele wählen, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Sorgen, Ängste und Probleme nicht ausreichend wahrgenommen werden.
Die AfD verkauft das Versprechen: „Wir räumen auf.“ Ob sie dieses Versprechen tatsächlich erfüllen kann, steht auf einem anderen Blatt. Aber Politik lebt nicht nur von Fakten, Politik lebt auch von Gefühlen. Und genau dort müssen sich die anderen Parteien fragen: Erreichen CDU, SPD, Grüne, SSW und FDP die Menschen noch? Hören sie zu? Oder wundern sie sich nur über steigende Umfragewerte bei der Konkurrenz?
Sicherheit beginnt nicht erst bei der Polizei
Natürlich kann keine Regierung verhindern, dass einzelne Menschen ausrasten. Keine Partei kann jeden Konflikt verhindern, keine Gesellschaft wird jemals eine hundertprozentige Sicherheit erreichen. Aber der Staat kann Rahmenbedingungen schaffen: nicht erst reagieren, wenn etwas passiert, sondern früher hinschauen. Mehr Sozialarbeit, mehr Angebote für junge Menschen ohne Perspektive, mehr Menschen, die zuhören, bevor aus Frust Hass wird.
Dabei geht es nicht darum, jeden Menschen zu entschuldigen – wer andere verletzt, muss Verantwortung übernehmen. Aber Polizei, Gerichte und Gefängnisse sind immer nur die letzte Station. Wenn der junge Mann von der Bushaltestelle irgendwann jemanden schwer verletzt, dann ist die Diskussion vorbei. Dann lesen wir auf unseren Smartphones: „Jugendlicher verletzt Menschen schwer. Motiv: Langeweile.“ Und wieder fragen alle: Wie konnte das passieren? Die Antwort ist oft unbequem – weil wir manchmal erst hinschauen, wenn es zu spät ist.
Der Knall kommt selten ohne Vorwarnung
Vielleicht war dieser junge Mann an der Bushaltestelle einfach nur schlecht gelaunt, vielleicht war es nur ein Moment. Vielleicht aber war es auch ein kleines Warnsignal. Eine Gesellschaft erkennt ihre Probleme nicht immer an großen Ereignissen. Manchmal erkennt sie sie an einem Blick, an einer Begegnung, an einem Abendspaziergang durch den Carlislepark.
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