Susanne Schröters Demokratie-Diagnose: Treffsicher kritisiert, zu wenig konkret

Freiheit und Rechtsstaat stehen unter Beschuss – von drei Seiten. Rechts drängt ein autoritärer Nationalismus zurück in eine Vergangenheit, die es so nie geben sollte. Links engt eine moralisierende Identitätspolitik den Diskurs ein: Wer falsch spricht, wird ausgegrenzt. Gleichzeitig etabliert ein erstarkender politischer Islamismus in Parallelstrukturen eigene Regeln, die bis in Schulen und Universitäten reichen. So unterschiedlich diese Strömungen sind, sie folgen demselben Muster: Sie teilen die Welt in Gut und Böse, beanspruchen die Wahrheit für sich und ersetzen Argumente durch Haltung. Zweifel gilt als Schwäche, Gegner werden nicht widerlegt, sondern herabgewürdigt.

Hier setzt Susanne Schröter an.

Schröter analysiert präzise. Die Ethnologin und ehemalige Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam durchleuchtet Ideologien, Denkfiguren, Sprachregelungen und moralische Überhöhungen mit scharfem Blick. Ihr neues Buch ist flüssig geschrieben, verständlich und gut belegt. Sie nennt Quellen und erklärt komplexe politische Entwicklungen so klar, dass auch Laien folgen können.

In Links, rechts, islamistisch untersucht Schröter drei Strömungen, die der Demokratie schaden: radikale Identitätspolitik von links, autoritären Nationalismus von rechts und politischen Islamismus. Trotz ihrer Unterschiede eint sie ein Prinzip: Sie teilen die Welt in Schwarz und Weiß, halten sich für unfehlbar und sehen Zweifel als Schwäche. Wer widerspricht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern delegitimiert.

Das Buch ist spannend, oft unbequem – und genau darin liegt seine Stärke. Doch es hinterlässt ein ungutes Gefühl. Nach der brillanten Analyse bleibt Schröter erstaunlich vage. Sie beschreibt, was schiefläuft, doch konkrete Lösungen bietet sie kaum.

Der Links-Teil: Scharfe Kritik, aber keine Richtung

Besonders heikel ist Schröters Kritik an der Linken, da sie selbst lange links geprägt war. Sie wirft einer autoritären Linken vor, ihre Errungenschaften – Gleichberechtigung, Frauenrechte, Aufklärung – zu untergraben. Ihre Diagnose: Die postkoloniale Theorie reduziert die Welt auf Täter und Opfer, moralische Urteile ersetzen politische Debatten, und falsch verstandene Toleranz schützt sogar islamistische Gruppen, gegen die ein linker Feminismus eigentlich kämpfen müsste.

Das ist einer der stärksten Gedanken des Buches. Doch es bleibt unklar, wen Schröter genau meint. Wer ist „die Linke“? Universitäten, NGOs, Grüne Jugend, Aktivisten, Zeitungen – bei Schröter verschwimmt alles zu einem Block. Wo endet berechtigte Kritik an Rassismus, wo beginnt überzogene Identitätspolitik? Antworten fehlen.

Vor allem bleibt offen, wie eine linke Politik aussehen könnte, die Rassismus bekämpft und Islamismus klar benennt. Wie kritisiert man Islamismus, ohne Rechte zu stärken oder Muslime pauschal zu verdächtigen? Schröter liefert keine Richtung. Linke Leser erfahren nur: Ihr seid auf dem Holzweg. Doch wohin es gehen soll, bleibt ungesagt.

Der Rechts-Teil: Treffend beschrieben, aber ohne Plan

Auch die autoritäre Rechte beschreibt Schröter treffend. Sie zeigt, wie diese eine fragwürdige Vergangenheit verklärt und die Nation als Schicksalsgemeinschaft stilisiert. Ihre Analyse der Lage überzeugt.

Doch auch hier fehlt die Perspektive. Wie soll die Demokratie mit einer politischen Richtung umgehen, die viele Wähler hinter sich hat? Wo verläuft die Grenze zwischen konservativem Denken und autoritärem Nationalismus? Was ist die Alternative zu Ausgrenzung oder Anpassung?

Die „Mitte“, die Schröter beschwört, bleibt ein vages Ideal. Sie soll Haltung zeigen und das gemütliche Biedermeier verlassen. Doch wer diese Mitte ist und was sie will, bleibt unklar.

Der Islamismus-Teil: Mutige Kritik, aber wenig Substanz

Am schärfsten ist Schröter dort, wo sie sich auskennt. Sie zeigt, wie islamistische Ideen in Gesellschaft, Schulen und Universitäten eindringen und warum sie diese als besondere Gefahr für die Freiheit sieht.

Ihr Mut, ein heikles Thema anzusprechen, beeindruckt. Sie vermeidet Verharmlosung ebenso wie Pauschalurteile gegen Muslime. Das ist provokant und wichtig.

Doch auch hier bleibt die Frage: Was tun? Wie geht man mit ausländischer Finanzierung von Moscheen, islamistischen Verbänden oder Problemen in Schulen und Sozialarbeit um? Schröter fordert Aufklärung und die Durchsetzung des Rechtsstaats. Das ist richtig, bleibt aber ein Appell. Konkrete Vorschläge für Prävention oder Integration fehlen.

Viele Fragen, wenig Antworten

Hier liegt die größte Schwäche des Buches – und die Diskrepanz zum Klappentext, der großspurig „Antworten“ verspricht. Am Ende des Buches steht jedoch dieser Satz:

„Wenn die liberale Demokratie dabei keinen größeren Schaden nehmen soll, wäre den Akteuren der Mitte zu empfehlen, das häusliche Biedermeier zu verlassen, Position zu beziehen und streitbar zu werden. Es wäre Zeit für eine echte Debattenkultur, in der alle Akteure genötigt würden, Argumente vorzutragen und das seichte Feld der Polemik zu verlassen. Das allein wird zwar nicht zu einer Befriedung führen – aber es wäre ein Anfang.“

Doch welche Positionen? Hier lässt Schröter den Leser allein.

Feinde und Gefahren zu benennen, reicht nicht, um die Demokratie zu bewahren. Dafür braucht es mehr: klare Ideen, gute Bildung, wirksame Gesetze und Menschen, die handeln. Schröter fordert, das gemütliche Biedermeier zu verlassen – doch sie sagt nicht, wohin der Weg führen soll.

Das ist bedauerlich. Denn Schröter analysiert brillant. Ihr Buch ist lesenswert, gut geschrieben und regt zum Nachdenken an. Es deckt blinde Flecken bei links, rechts und Islamismus auf. Doch das größte Versprechen – Antworten zu liefern – erfüllt es nur teilweise.

„Es wäre ein Anfang“, schreibt Schröter am Ende. Ja, aber eben nur ein Anfang.

Beitragsbild: Fotomontage

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